Lebendige Stadt

von fels am 4. Juli 2009

in Sozialraum,Stadt,Stadtentwicklung,Öffentlicher Raum

Was macht eine Stadt belebt und interessant? Verallgemeinert man die Merkmale von in diesem Sinne urbanen Orten wie Manhattan, dem Pariser Quartier Latin oder Palermo, dann lassen sich drei Begriffe herausdestillieren, die erlebnisreiche Szenen beschreiben: Ungleichheit, Ungleichzeitigkeit und Ungleichwertigkeit.

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Ungleichheit
der Menschen und der Aktivitäten spiegelt sich in verschiedenen Lebensstilen, in verschiedenartigen Verhaltensweisen und in unterschiedlichen Arten der Selbstpräsentation. Arbeitende und flanierende Menschen, schnelle und langsame Bewegung, Arme und Reiche, in sich Gekehrte und Agitierende, Käufer und Verkäufer. Bunter wird es, wenn verschiedene ethnische Gruppen das Strassenbild prägen, wenn das noch nie Gesehene unverhofft präsent ist, wenn fremde Waren oder exotische Musik dargeboten werden. Und unsere Aufmerksamkeit wird insbesondere angeregt, wenn verschiedene Nutzungsarten koexistieren. Eine Museumsinsel ist langweilig, wenn sie nicht in einem andersartigen Umfeld liegt, ein Bankenviertel ist öde, weil es nichts Überraschendes bietet, ein reines Wohngebiet schläfert ein, weil nichts als Wohnen passiert. Erlebniswert hat ein städtisches Quartier nur dann, wenn man dem Fremden, dem Unerwarteten begegnet, wenn sich die Wege von Menschen, die mit den verschiedensten Zielen und aus den verschiedensten Gründen unterwegs sind, kreuzen und sich dadurch die überraschendsten Kombinationen und Szenerien ergeben. Dazu gehört auch das Widerständige, das Ungeplante, das keinen privaten Ort hat und deshalb den öffentlichen Strassenraum aufsucht. Sozial, kulturell und funktional homogene Orte können nicht urban sein, denn sie sind exklusiv – das gilt für das Oberschichtengetto ebenso wie für die unter Kontrolle gebrachten Räume einer alternativen Szene. Ungleichheit ist jedoch nicht nur eine kulinarische Angelegenheit, sondern erzeugt auch Konflikte. Wenn es für einen Teil der städtischen Gesellschaft keine Integrationsperspektive mehr gibt, wenn also aus Ungleichheit unvereinbare Gegensätze werden, dann wird die städtische Szenerie so lebhaft, dass sie nicht mehr so einfach als Erlebnis verdaut werden kann.

Ungleichzeitigkeit ist ein weiteres Element einer interessanten Stadt. Unterschiedliche Baustile und Funktionen aus verschiedenen Epochen der Geschichte einer Stadt, die Präsenz und die Widersprüchlichkeit des Ungleichzeitigen machen gesellschaftliche und städtische Entwicklung bewusst. Die Anwesenheit von Geschichte in Form von Zeugnissen untergegangener Herrschafts- und Wirtschaftsepochen gibt der Stadt eine eigene Vitalität, denn in Gebäuden und Grundrissen sind die Mühen früherer Generationen vergegenständlicht. Gerade wenn sich dies in unter heutigen Gesichtspunkten dysfunktionalen Strukturen bemerkbar macht, stösst sich die Gegenwart an der Geschichte und fordert zur kreativen Aneignung heraus. Die Beseitigung historischer Bausubstanz ist daher immer auch ein Verlust an kreativen Energien. Eine Stadt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt geplant worden und entstanden ist, kann niemals so sehr die Fantasie anregen oder so viele Anstösse geben wie eine historisch vielfältig geprägte Stadt. Gleichzeitigkeit ist langweilig. Das gilt auch für die möglichen Nutzungsarten, die sich im städtischen Gehäuse einnisten können. In kleinteiligen Eigentümerstrukturen verändert sich niemals alles gleichzeitig. Tradiertes und Zurückgebliebenes hat seinen Ort neben dem Neuen und Dynamischen. So ergibt sich auch eine Stadt mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, die die Sinne herausfordert und Reaktionen provoziert.
Und von Ungleichzeitigkeit geprägt ist auch der Rhythmus einer belebten Stadt. Hier funktioniert nichts nach einem zentralen Zeitregime. Jahreszeiten und Öffnungszeiten müssen ihre strukturierende Gewalt verlieren, wenn Spontanes, Ungeplantes und Unerwartetes möglich sein soll. Eine Stadt ist nur dann lebendig, wenn man darauf hoffen darf, dass nicht alles nach Plan verläuft. Der Mythos des Urbanen lebt wesentlich von der beständigen Erwartung, dass alles, was ist, auch anders sein könnte.

Schließlich ist der Aspekt der Ungleichwertigkeit zu nennen, der mit der Ungleichzeitigkeit eng zusammenhängt. Die Bewertung von Boden und Gebäuden ist ein ökonomischer Prozess, der nicht an jedem Ort einer bestehenden Stadt gleiche Konsequenzen hat. Ob die jeweilige Wertzuschreibung sich in Umnutzung, in einem Umbau oder in der Fluktuationsrate der Bewohner niederschlägt, hängt auch von den Eigentumsstrukturen und von den Entscheidungen der Eigentümer ab. In jeder Stadt gibt es Gegenden, in denen die Gebäude abgeschrieben sind oder wegen der Eigentümlichkeiten von privaten Eigentümern die potenziell möglichen Erträge nicht auch realisiert werden. In solchen entwerteten Bereichen haben auch nicht-ökonomische, unrentable oder ökonomisch schwache Aktivitäten eine Chance. Und gerade dies sind häufig die innovativen oder provokativen Aktivitäten, sei es im kulturellen, sozialen, politischen oder ökonomischen Bereich. Sie, und nicht die internationalen Standardangebote, bringen eine attraktive, erlebnisreiche Atmosphäre in ein Quartier. Dass sie existieren können, setzt allerdings Nischen voraus, die nicht vom Verwertungsdruck des Immobilienkapitals besetzt sind.
Ungleichheit, Ungleichzeitigkeit und Ungleichwertigkeit lassen sich nicht planen. Sie entziehen sich der bewussten Gestaltung und können nur entstehen im Rahmen einer historischen Entwicklung, die von keinem steuernden Zentrum dominiert wird. Wo Planer dennoch versuchen, urbane Situationen zu kreieren, wie etwa in den modernen Grosseinkaufszentren, in den Malls von baulichen Grossprojekten oder in anderen kommerziellen Schwerpunkten der City-Planung, bleibt alles künstlich. Die Teilhabe ist an soziale Konvention oder an die Kaufkraft gebunden; Aktivitäten finden nur während der Öffnungszeiten statt; und das urbane Erlebnis ist auf bestimmte Räume begrenzt. In der inszenierten Stadt wird Urbanität lediglich simuliert, und deshalb bleibt sie letztlich immer steril.

(Quelle: Hartmut Häußermann in: Karen Ziener/Ines Carstensen/Elke Goltz (Hrsg.). Bewegende Räume – Streiflichter multidisziplinärer Raumverständnisse. Praxis Kultur- und Sozialgeographie | PKS 36 Festschrift anlässlich der Verabschiedung von Frau Prof. Dr. Gabriele Saupe am 26.11.2004)

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