Zustandsbeschreibung und Tendenzen der offenen Jugendarbeit in der Schweiz
Wir machen folgende Beobachtungen in der Landschaft der offenen Jugendarbeit in der Schweiz:
Die Besucherinnen und Besucher von Jugendhäusern scheinen sich zu wandeln: Während es in den Entstehungsgeschichten der mittlerweile überall etablierten „Häuser der Jugend“, bestimmte (politisch) engagierte Jugendliche oder Szenen mit bestimmtem Interesse waren, sind es heute vermehrt geschlossene Szenen von Jugendlichen, deren Engagement sich auf spezifische Gruppenbedürfnisse beschränkt. Vielfach handelt es sich dabei um Jugendliche mit Migrationshintergrund, das politische Engagement ist beschränkt.
Unklar ist, in welchem Verhältnis diese Gruppen zu den Jugendlichen „draussen“ stehen, Unbehagen macht sich breit und der politische Druck auf die Professionellen in den Einrichtungen, für eine „bessere Durchmischung“ zu sorgen, wächst.
Gleichzeitig fallen Jugendliche im öffentlichen Raum auf, was heute unter dem eng geführten Begriff von Jugendgewalt medial breit diskutiert wird. Extremkarrieren scheinen die Jugend zu bestimmen: Durch Superstarkarrieren am einen Ende und durch Gewaltkarrieren am anderen Ende wird „Jugend“ sichtbar.
Vor allen für Letztere wird durch alle politischen Lager eine Lösung des Problems durch Jugendarbeit gefordert. Das Ziel: Störende Jugend möglichst von der Strasse in die Häuser der Jugend zu holen. In dieser neuen Funktion ist Jugendarbeit mit Ordnungshütern konfrontiert – Aspekte von Sicherheit und Kontrolle scheinen vor sozialarbeiterischen Fragestellungen zu stehen: Auf welcher Seite steht man heute als Jugendarbeiterin oder Jugendarbeiter?
Jugendarbeitende, welche Profis sind für die Jugendhäuser, werden mit dem Anspruch konfrontiert, raus zu gehen. Damit verbunden scheint nicht nur der Verlust eines klar definierten Arbeitsorts, sondern auch der klaren professionellen Rolle. Die Forderung, sich aus dem sicheren Haus zu bewegen, um sich auf „die Unsicherheit der Strasse“ einzulassen, erzeugt Unbehagen und Angst.
Fragen, Thesen und Erklärungsmuster zu Jugend, Jugendarbeit und den damit verbundenen Räumen und Räumlichkeiten
Woher kommt das Verständnis, dass Jugendarbeit sich als partnerschaftlicher Anwalt der Räume der Jugend versteht: d.h. dass sie Jugend und ihre Bedürfnisse versteht und im anwaltschaftlichen Sinn zwischen dem Jugendraum und dem gesellschaftlichen
Raum vermitteln kann? Zu welchem historischen Moment ist dieses Verständnis entstanden und welches sind die dahinter stehenden Logiken?
Jugend als gesellschaftlicher Raum, im Sinne eines Vorbereitungsraums auf das erwachsene Erwerbsleben danach (Man spricht hier von einem gesellschaftlich eingestandenem Moratorium, einer Auszeit, die zur Selektion im Erwerbsprozess und zur Vorbereitung auf die Integration gleichermassen dient), ist eng verbunden mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Produktionslogik: Jugendliche konnten sich in dieser Lebensphase austesten, sich und eigene Ideen und Utopien finden, Grenzen ausloten und zurückgespiegelt bekommen. Dieser gesellschaftliche Raum der Jugend stand streng getrennt neben dem meist männlich besetzten Raum der Produktion und dem meist weiblich besetzten Raum der Reproduktion. Der gesellschaftliche Raum der Jugend war durch klare Grenzen von den anderen gesellschaftlichen Räumen getrennt. Die damit verbundenen Probleme konnten als Jugendprobleme gefasst bzw. ausgesondert werden und blieben damit beschränkt auf den gesellschaftlichen Raum der Jugend: Bildlich wird dies deutlich anhand der grossen Masse Jugendlicher, welche ab den späten 60er und den frühen 80er Jahren im öffentlichen Raum ihre Bedürfnisse manifestierten (Globuskrawall, „Züri brännt“).
Deutlich wird damit, dass die sichtbare Jugend, über das Sich-Sichbarmachen im öffentlichen Raum, ihre Bedürfnisse manifestierte und die Erwachsenengeneration auf den Plan rief.
Entscheidend ist nun, dass man sich diesen Jugendlichen nicht nur ordnungspolitisch (man denke an die Konflikte mit der Polizei), sondern von sozialarbeiterischer Seite verstehend genähert hat. Die Sichtbarkeit wurde folgendermassen erklärt: Jugendliche müssen sich in der Lebensphase mit ihren eigenen Bedürfnissen auch in die räumliche Welt einbringen können. Sie brauchen eigenständige Welten, die sie mit ihren Bedeutungen belegen können, indem sie etwas Eigenes machen, sich spüren, etwas bewirken. Raumtheoretisch spricht man hier von Handlungsräumen: Diese eckten an der physisch-materiellen Welt, an den bebauten Plätzen und Orten an, da die Welt funktional konstruiert und nicht auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ausgelegt war.
Man führte dieses Problem zurück auf ein Aneignungsproblem: Jugendliche müssen sich die Welt aneignen können. Dies war jedoch nicht möglich, da diese durch die industrielle Logik vorgefertigt und auf den Erwachsenen, etwa 35 jährigen Fabrikarbeiter ausgelegt war. Ebenso wie sich der Arbeiter durch den produktionellen Prozess, d.h. der Arbeit an der Maschine, vom Produkt entfremdete, gelang es den Jugendlichen nicht, sich die entfremdete durchfunktionalisierte Welt anzueignen. Das Resultat dieses Nicht-Zusammenkommens von Handlungsräumen mit der physisch-materiellen Welt war die Sichtbarkeit der Jugendlichen im öffentlichen Raum.
Gefordert wurden daher adäquate Räume, bzw. Welten, die Jugendliche eigenständig mit ihren Bedeutungen belegen konnten: In der Folge entstanden Kinder- und Jugendwelten, die zwar nicht autonom gestaltet waren, wie die Jugendlichen das forderten, sondern pädagogisch begleitet. (Gefordert waren AJZ’s – erhalten haben die Jugendlichen pädagogisierte, aneigenbare Kleinwelten, im Sinne des Jugendhauses).
Die erste Generation konnte sich diese Welt eigenständig aneignen – Sinnbild dafür ist beispielsweise die Einrichtung eines Musikproberaums, die Möglichkeit einen Ort zu haben.
Für unseren Zusammenhang ist nun wichtig, uns dieser Logik und der Rolle welche wir als Jugendarbeitende daraus erhalten haben bewusst zu werden:
Das Jugendhaus ist in dieser Welt der 70er und 80er Jahre, sowohl symbolisch wie auch real, ein Haus der Jugend, ein eigenständiger Raum, welcher im gesamtgesellschaftlichen Gefüge der industriekapitalistischen Arbeitsgesellschaft Sinn machte: Jugendarbeit verstand die Jugendlichen, ermöglichte die Schaffung eines eigenständigen Raumes, konnte zwischen diesem Raum und den anderen gesellschaftlichen Räumen, wie Politik, Erwerbswelt, kurz der Erwachsenenwelt vermitteln.
1. THESE:
Jugend als gesellschaftlicher Raum und Moratorium war auf eine bestimmte Lebensphase beschränkt, die Jugendlichen fanden nach erfolgreichem Finden der eigenen Identität und gesellschaftlichen Rolle ihren Platz – entsprechend der verschiedenen Ebenen der industriellen Produktion – und damit die Integration in die Gesellschaft über Erwerbsarbeit.
Wieso geht heute diese Logik nicht mehr auf? Was kann die sichtbare Jugend noch über die Bedürfnisse der Jugend aussagen? Und wie steht das Jugendhaus, verstanden als materialisierter und symbolisierter Jugendraum, zu gesamtgesellschaftlichen Prozessen?
Der gesellschaftliche Raum Jugend scheint sich durch den Wandel der Erwerbsarbeit grundsätzlich verändert zu haben: Durch den zunehmenden Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft – vermehrt gehen Arbeitsplätze in der Fertigung verloren und Arbeiten mit Dienstleistungscharakter nehmen zu – scheint die Ökonomie zunehmend weniger an das Territorium gebunden (man denke an die Flüchtigkeit von Produktionsstandorten, an das weltweit fliessende Geld, welches auf Knopfdruck an der Börse auftaucht und gleich wieder verschwindet). Die festen und orientierungsgebenden Strukturen und uns bekannten Räume scheinen der flexibilisierten und modularisierten Logik der Wirtschaft, die nach dem Just-in-time-Prinzip punktgenau alle Aufmerksamkeit fordert, nicht mehr zu entsprechen. Wir merken, dass in den letzten Jahren die meisten uns bekannten Strukturen in Bewegung geraten sind: flache Hierarchien, Abbau von Versäulung, Modernisierung der Sozialen Sicherungssysteme und vieles mehr – es scheint so, wie wenn die festen Dinge, die Strukturen in Fluss geraten und dass wir, um modern zu sein, diese selbst in Fluss bringen müssen.
In der Arbeits- und Industriesoziologie ist von Entgrenzung von Leben und Arbeit die Rede. Waren die Logiken der Produktion und Reproduktion unter industriekapitalistischer Produktionsweise voneinander getrennt, so führen die neuen Arbeitsformen heute dazu, dass diese Grenzen sich aufzulösen beginnen, ineinander übergehen, sich verflüssigen: Wann beginnt die Arbeit, wann hört sie auf? Ist mein Chef mein Chef, mein Freund, mein Berater? Telearbeit, Teamarbeit, Flexibilität und hohe Mobilität sind weitere Stichworte.
In der aktuellen Jugenddiskussion geht man nun davon aus, dass sich auch der gesellschaftliche Raum der Jugend zunehmend entgrenzt: Jugendliche sind heute mit Problemen konfrontiert, die nach dem idealtypischen Bild der Vorbereitungsphase eigentlich erst viel später auf sie zukommen: Jugendliche müssen sich einerseits einem immer höheren Leistungsdruck und der Generationenkonkurrenz stellen. Sie haben aber keine Garantie, dass sie über eine Ausbildung auch einen Platz in der Gesellschaft erhalten, noch dass es den erlernten Beruf überhaupt noch gibt. Das Vertrösten auf Morgen scheint hinfällig zu sein. Das Hier und Jetzt wird entscheidend – der Ernst des Lebens beginnt bereits in der Kindheit.
Damit scheint klar zu sein, dass gesellschaftlich eigentlich darüber diskutiert werden müsste, was Jugend für eine Bedeutung hat. Dies wird jedoch nicht getan.
2. THESE:
Die Forschung und auch die Jugendarbeit scheinen durch ihre Entstehungsgeschichte in Konzepten und Sichtweisen auf Jugend gefangen, die die aktuellen Probleme der Jugendlichen gar nicht mehr fassen können.
Aber es kommt noch schlimmer:
Durch die Fokussierung auf die sichtbare Jugend, welche im öffentlichen Raum durch ihre Manifestationen auffällt, wird heute ein Bereich von Jugend thematisiert, welcher einen Grossteil der Jugendlichen gar nicht betrifft: Jugendgewalt.
Wie könnte sich also heute erneut verstehend der Jugend genähert werden? Und wie könnten gesellschaftliche Räume aufgemacht werden, die nicht nur territorial gebunden sind, wie am Beispiel des Jugendhauses, sondern die neue und breite Möglichkeiten für alle Jugendlichen aufmachen könnten? Wie könnten solche Ermöglichungsräume verortet sein? Dies wollen wir im Folgenden kurz umreissen:
Perspektiven und Herausforderungen einer Sozialraumarbeit mit dem Fokus Jugend
Eine Herausforderung für die Jugendarbeit ist, sich vom geschützten Jugendhaus zu verabschieden: hinein in den Fluss. Ausgangspunkt müssten dabei, wie in den 70er und 80er Jahren, erneut die Jugendlichen mit ihren aktuellen Handlungsräumen sein.
3. These:
Unter entgrenzten Bedingungen muss man die Bewältigungsleistungen der Jugendlichen erst wieder lesen lernen: Ausgangspunkt sollte heute nicht die sichtbare, sondern die unsichtbare Jugend sein. Verstehend muss man sich ihren Handlungsräumen – welche wir als unsichtbare Bewältigungskarten bezeichnen – nähern.
Erst dann kann man verhandeln, wie heute Jugendräume im Sinne von ermöglichenden Räumen aussehen könnten. Gleichzeitig ist der gesellschaftliche Diskurs darüber zu führen, was heute Jugend bedeuten könnte. Damit hat Jugendarbeit eine politische Aufgabe: Nicht nur das Verständnis der neuen Handlungsräume muss man sich erarbeiten, sondern auch darüber im Klaren sein, dass es um eine gesellschaftliche und damit professionelle Positionierung geht. Insofern sehen wir den Abschied vom Jugendraum als Chance, sich erneut über die eigene Profession zu vergewissern.
Dies ist jedoch nur möglich, wenn die individuellen, d.h. die aus den lebensweltlichen Bedeutungen entstandenen jugendlichen Handlungsräume mit der strukturellen Ebene, d.h. der aktuellen gesellschaftlichen Bedeutung von Jugend, erneut zusammenkommen. Ob sich und wie sich diese Schnittstelle zwischen Lebenswelt und gesellschaftlichem Raum, welchen wir als Sozialraum fassen möchten, territorial manifestieren, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Auf jeden Fall werden die daraus hervorgehenden Räume nicht mehr wie bisher für die Ewigkeit gebaut sein, sondern sie entsprechen der allgemeinen aktuellen Tendenz der Projekthaftigkeit. Insofern ist die Zeit, in welcher man einen quasi betonierten Raum der Jugend hatte, vorbei. Vielmehr wird der Sozialraum als Möglichkeitenraum seinen Platz einnehmen.
Einen Sozialraum muss man zuerst verstehen, ihn bearbeiten. Deshalb sprechen wir von Sozialraumarbeit. Selbstverständlich können wir für diese Sozialraumarbeit unsere Tradition und unseren Zugang zu Jugendlichen mitnehmen und einbringen:
Die Herausforderung läge dann darin, Jugendliche zu verstehen und gemeinsam mit Ihnen ermöglichende Strukturen zu schaffen und diese durch einen aufklärerischen Diskurs gegenüber anderen gesellschaftlichen Räumen zu vermitteln.
Damit laden wir ein zu einem Fokuswechsel – nur darüber gelingt es die Angst des Rausgehens aus unserem geschützten Haus zu überwinden. Sozialraumarbeit kann dann als Chance gesehen werden, neue Orientierung und damit auch gesellschaftliche Anerkennung zu bieten.
(Dani Fels und Christian Reutlinger, FHS St. Gallen Kompetenzzentrum Soziale Räume. Erstveröffentlichung: Frühjahr 2007 in InfoAnimation, Zeitschrift des DOJ – Dachverband Offene Jugendarbeit Schweiz)





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DANKE für diese Worte! Eine differenzierte Betrachtung welche viele meiner Gedanken zusammenfügt und ordnet.
Eine weitere Herausforderung Professioneller wird es sein, Politik und die erwachsene Gesellschaft von diesem Wandel zu überzeugen und dabei von der antiquierten Tendenz des “wir geben ihnen einen Luftschutzkeller und dann sollen sie ruhig sein” ab zu bringen.